Der Hollyford-Track ist eine offiziell vier- bis fünftägige Wanderung durch das Hollyford-Valley im Fiordland Nationalpark. Das Tal wurde vor langer Zeit mal von einem Gletscher geschaffen. Obwohl der höchste Punkt des Tracks auf gerade einmal 170m Höhe liegt, kann man trotzdem während des ganzen Weges zu beiden Seiten hohe, teilweise sogar schneebedeckte Gipfel sehen. Zumindest solange man überhaupt irgendwas sieht – das Fiordland ist dafür bekannt, mit 200 Regentagen im Jahr sehr nass und trüb zu sein.

Eben jenes trübe Wetter zeigte sich auch mir an meinem  ersten Tag. Von Te Anau aus bin ich recht früh los, immerhin musste ich noch eine Stunde Fahrt auf der Milford Road hinter mich bringen. Auf zwei Drittel Strecke des Weges zum Milford Sound zweigt die Schotterstraße ins Hollyford Valley ab, die sich nahezu endlos zieht. Irgendwann bin ich dann aber doch am Parkplatz angekommen. Statt gleich mit dem eigentlichen Track zu beginnen, bin ich zunächst einen kleinen Seitentrack, der auch am gleichen Punkt beginnt, entlang gelaufen. Dieser Track führt zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man die Humboldt Falls sehen kann, alleine hierfür hätte sich die Anfahrt schon gelohnt. In drei Stufen fällt das Wasser 275 Meter in die Tiefe, sehr beeindruckend! Es sollte aber nicht mein letzter Wasserfall für diesen Tag gewesen sein.
Zurück am Auto schnappte ich mir meinen prall - vor allem mit Essen für sechs Tage - gefüllten Rucksack und machte mich auf den Weg heraus aus der Zivilisation in die Natur. Es hatte zum Glück aufgehört zu regnen, der Himmel war aber weiterhin sehr trüb und die Sicht auf die Berge ringsum kaum vorhanden. Zunächst verfolgt der Track den Hollyford River auf seinem Weg ins Meer. Immer wieder kreuzt man dabei Zuflüsse, und nicht wenige davon enden in einem Wasserfall. Auf dem Bild unten sind die Hidden Falls zu sehen, die so heißen, weil sie vom Hauptweg aus nicht zu sehen sind.


Am Ende des Tages, nach ungefähr 20 Kilometern die hauptsächlich flach durch den Wald geführt haben, öffneten sich die Bäume, um Platz für den Lake Alabaster zu machen. In der Alabaster Hut verbrachte ich dann auch meine Nacht. Während mir auf den Weg immerhin eine größere Gruppe, die eine organisierte Tour mitgemacht haben, und drei weitere Leute entgegenkamen war ich in der 36-Matratzen-Hütte tatsächlich komplett alleine diese Nacht. In der Nacht klarte der Himmel tatsächlich dann teilweise auf, sodass ich mich an ein paar Langzeitaufnahmen des Himmels versuchen konnte.

Das Aufklaren war nur von kurzer Dauer. Am nächsten Morgen erwachte ich zu leichtem Nieselregen. Dieser hielt mehr oder weniger auch den ganzen Tag an, was das Vorankommen nicht gerade erleichterte. Während die Strecke vom Carpark bis zum Lake Alabaster noch fast auf Great Walk-Niveau war, also meistens einen Meter breit und bis auf die eine oder andere Wurzel eben und geschottert, heißt der Track hinter dem Lake Alabaster nicht umsonst "Demon Trail". Eine Vielzahl an Steinen erwiesen sich im nassen Zustand als sehr tricky, der Matsch und einige Rinnsale, die sich den Weg als kürzester Weg nach unten ausgesucht hatten, taten ihr Übriges. Trotzdem machte die Kletterpartie Spaß, auf einer gepflasterten Straße kann ja jeder laufen :)
Eine weitere Besonderheit gibt es auf dem Demon Trail: Sogenannte Three-Wire-Bridges, die die breiteren der Zuflüsse überqueren. Wie der Name schon sagt, bestehen diese Brücken aus drei Seilen: Eines ist unten gespannt und dient als Balancierseil, an je einem Seil links und rechts kann man sich festhalten. Das Seil ist zum Glück nicht rutschig, sonst wäre die Überquerung in bis zu fünf Metern Höhe zum Albtraum geworden. Auch so stieg mein Adrenalinspiegel bei der Überquerung aber spürbar an.
Auch am zweiten Tag führte mein Weg durch Wald. Ständig begleitet wurde ich dabei von einer sehr frechen Vogelart auf Insektensuche, dem Fantail (Fächerschwanz). Der Name kommt nicht von ungefähr: Der Schwanz ist so lang wie der Rest vom Körper und die schwarz-weißen Schwanzfedern sind fächerartig angeordnet. Sogar auf meinem Rucksack und meinen Schuhen hat sich ein Exemplar niedergelassen. Nach ungefähr der halben Tagesstrecke ging der Hollyford River in den Lake McKerrow über, an dessen Ufer der Demon Trail dann entlang führte. Mein Tagesziel war die Demon Trail Hut, in der tatsächlich etwas mehr los war: Insgesamt waren es sechs Leute, die hier ihr Nachtlager aufschlugen.

Mein Tag Nummer drei war definitiv der längste. Nach dem Ende des Demon Trail kam ich zwar schneller voran, trotzdem erreichte ich die Martin's Bay Hut erst kurz nach Sonnenuntergang. Der Anfang des Tages war sehr ähnlich zum zweiten Tag: Auf matschigem Weg entlang des Sees durch den Wald. Nach ein paar Kilometern galt es dann einen Fluss zu durchqueren, diesmal ohne Three-Wire-Bridge, also auf durchs kalte, Nass! Danach ging es auf Steinstrand weiter, immer am Ufer des Lake McKerrow entlang. Fast am Ende des Sees findet sich die Stelle der ehemaligen Siedlung Jamestown, von der allerdings praktisch nichts mehr übrig ist. Im 19. Jahrhundert hatten sich hier mal Fischer niedergelassen, auf Grund der Abgeschiedenheit die Siedlung aber bald wieder aufgegeben. Als ich den See hinter mir gelassen hatte, ging es wieder durch den Wald, vorbei an einem kleinen Flugfeld, und schlussendlich zur Martin's Bay, meinem Tagesziel an der Küste. Mit der Stirnlampe kochte ich mir noch mein wohlverdientes Essen und fiel dann ins Bett.
Am nächsten Tag wurde ich überrascht - Nachdem auch an Tag drei der Himmel noch von Wolken überzogen war, war der Himmel strahlend Blau nach dem Aufwachen. Der perfekte Tag fürs Seehund-Beobachten! Nachdem ich den Sonnenaufgang bewundert und gefrühstückt hatte, machte ich mich auf den Weg die Küste entlang zum Long Reef.

So heißt die Landzunge etwas nördlich der Martin's Bay, auf der eine Unmenge an New Zealand Fur Seals ("Fellrobben") hausen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Auf den Felsen rund um die Landzunge tummelten sich allermindestens fünfzig Robben. Durch die braune Fellfarbe sind sie ziemlich gut getarnt, manchmal muss man zweimal hinschauen, ob es jetzt nur ein Felsen oder eine Robbe ist. Durch die Abgeschiedenheit der Bucht kommen hier sehr wenig Leute hin. Daher sind die Robben hier ziemlich ungestört und schauen nur neugierig auf, wenn sich ein Mensch in ihr Revier wagt. Gut eine Stunde beobachtete ich die wunderschönen Tiere, die es sich in der Sonne gemütlich machten. Neben erwachsenen Tieren waren sehr viele Puppies hier, einige so klein, dass sie noch nicht mal ihre Augen aufgekriegt haben. Nur hier zu stehen und die Robben zu beobachten war definitiv eines meiner Highlights des gesamten Neuseeland-Trips.

Irgendwann musste ich dann wohl oder übel wieder zurück. Nach dem kurzen Weg zurück zur Hütte schnappte ich mir meine restlichen Sachen, aß zu Mittag und lief dann wieder Richtung Lake McKerrow. Obwohl der Rückweg über die gleiche Strecke führte, war der Weg in Sonnenschein komplett anders. Vor allem der Demon Trail am Tag darauf war viel einfacher zu laufen, da die Steine jetzt nicht mehr nass und rutschig waren. Vom See aus hatte ich freie Sicht auf die umliegenden, schneebedeckten Berge. Am Tag Nummer sechs lief ich am Lake Alabaster vorbei, um in der Sunshine Hut zu schlafen, die nur zweieinhalb Stunden vom Carpark entfernt ist. Tatsächlich war die Hütte, mit 12 Matratzen eine der kleineren auf dem Track, fast komplett voll als ich nachmittags ankam. Vier weitere Ankömmlinge hatten aber zum Glück ein Zelt dabei, sodass niemand auf dem Boden schlafen musste.

Die letzten paar Kilometer am nächsten Tag brachte ich dann auch noch hinter mich, um dann kaputt aber zufrieden an meinem Auto wieder anzukommen.

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