Nach dem Hollyford-Track hatte ich noch nicht genug vom Wandern. Zwei Tage erholte ich mich im Hostel in Te Anau, dann schnallte ich wieder meinen Rucksack und machte mich auf zur nächsten 7-Tage-Wanderung, einer Kombination aus dem Routeburn, Dart und Cascade Saddle Track. Mein Auto ließ ich diesmal in Te Anau stehen, da ich keine Rundtour geplant hatte. Vom Dorf aus ging es wieder Richtung Hollyford Valley, allerdings blieb ich diesmal nicht im Tal, sondern machte mich auf in die subalpinen Regionen bis auf 1,500m Höhe an meinem zweiten Tag.

Ich startete nachmittags, da ich nur zweieinhalb Stunden zurückzulegen hatte am ersten Tag. Zunächst folgte ich dem Routeburn Track. Der Routeburn ist wie der Heaphy und Kepler Track einer der Great Walks, also auch sehr gut ausgebaut. Kurz nach dem Start geht es bereits einen Nebenpfad hinauf zum Key Summit, der mit immerhin 918m Höhe (knapp 400m oberhalb des Startpunktes) schon einen beachtlichen Ausblick bietet. Vor allem bei dem genialen Wetter, zum Wandern war es fast schon wieder zu warm. Der Key Summit ist nicht wirklich ein Gipfel, sondern eher ein Hochplateau. Um dieses Plateau herum führt ein Rundweg, der Nature Walk, auf der verschiedene Baumarten, Moose und kleine Tümpel zu bewundern sind.


Wieder zurück auf dem Haupttrack ist es nur noch ein kurzer Weg zur Lake Howden Hut. Da mit 54$/Nacht die Hütten auf den Great Walks im Fiordland völlig überteuert sind, habe ich mich entschieden, mein Zelt mitzunehmen. Also lief ich entlang des Sees noch etwas weiter zu einer riesen großen Wiese, der Lake Howden Campsite, wo ich mein Nachtlager aufschlug.
Der zweite Tag war ein ziemlich langer für mich. Da die Lake Mackenzie Campsite, die in der Mitte des Routeburn Tracks liegt, ausgebucht war, musste ich bis zu den Routeburn Flats laufen, die bereits kurz vor Ende des Tracks liegt. Also brach ich für meine Verhältnisse früh auf, lief zurück zur Lake Howden Hut und von da aus weiter hinauf dem Track folgend. Nach circa einer halben Stunde kommt man an die Earland Falls, mit 174 Metern ein sehr beeindruckender Wasserfall.

Ab hier führt der Weg relativ flach durch Wald hindurch bis zur Lake Mackenzie Hut. Hier machte ich meine Mittagspause, bevor der anstrengdste Teil der Tour anstand. Vom See aus geht es 500 Höhenmeter in steilen Serpentinen hinauf, bis man die Baumgrenze erreicht und schlussendlich überschritten hat. Der Aufstieg lohnt sich aber allemal: In die eine Richtung blickt man hinab auf den Lake Mackenzie, wo ich gerade herkam, in die andere Richtung öffnet sich das Hollyford Valley, und ich konnte den Weg, den ich nur eine Woche zuvor gelaufen war nachvollziehen, bis hin zum Lake McKerrow und zum Meer war die Sicht frei.

Einmal oben, verläuft der Track auf der Hochebene parallel zum Tal. Der Wind war sehr schwach an diesem Tag, bei Sturm ist man hier dem Wind schutzlos ausgeliefert. Nach einer weiteren Stunde biegt der Track ab und führt etwas weuter noch aufwärts, bis man schlussendlich den Harris Saddle erreicht, mit 1,300 Meter Höhe der höchste Punkt des eigentlichen Tracks. Hier gibt es eine kleine Schutzhütte, wo ich eine erneute Pause einlegte. Gerade als ich wieder los wollte, kam Lorenz in die Hütte - ihn hatte ich ein paar Tage zuvor schon auf der Gertrude Saddle Route getroffen, mal wieder ein typischer Neuseeland-Zufall! Zusammen liefen wir vom Saddle aus, ohne die Rucksäcke allerdings, noch auf den Conical Hill. Mit 1,507 Meter überragt er die meisten anderen Gipfel in der Nähe und bietet daher einen überragenden Panoramablick auf das Hollyford-Valley und die Berge des Fiordlands.

Ab hier ging es nur noch hinunter. Vorbei an einem weiteren, etwas kleineren See, aus dem ein kleiner Bach entspringt: Der Route Burn, der je weiter Richtung Tal man kommt immer breiter wird und dem Track seinen Namen gegeben hat. Offiziell bildet mit den Routeburn Falls der Bach auch einen Wasserfall, der aber nicht wirklich einer ist: Innerhalb von Hunderten Metern sackt der Bach immer mal wieder einige Meter ab. Jetzt hatte ich es fast geschafft, nur noch eine weitere Stunde hinein in den Sonnenuntergang, dann erreichte ich endlich meine Campsite an den Routeburn Flats, einer großen Grasfläche fast schon wieder im Tal. Ich kam gerade rechtzeitig, um in der Hütte den Hut Talk mitzubekommen. Auf den Hütten der Great Walks sind meistens Hut Wardens (Hüttenwärter) anwesend, die die Tickets checken und dann noch ein bisschen was zur Landschaft, Flora und Fauna erzählen. Danach baute ich mein Zelt auf, und genoss zunächst den Sonnenuntergang, dann den Sternenhimmel.
Auch der Sonnenaufgang am nächsten Morgen war sehr sehenswert. Eine leichte Nebelschicht lag auf den Routeburn Flats, die gepaart mit den ersten Sonnenstrahlen eine magische Atmosphäre erzeugt hat.

Auch an diesem Tag hatte ich vor eine gute Strecke zurückzulegen, also machte ich mich auf den Weg. Die letzten sieben Kilometer des Routeburn Tracks gingen sehr flott, es ging immer noch etwas bergab und ich wurde begleitet von einem Robin, ein schwarzer Vogel der so wenig scheu ist wie der Fantail.

Zwischen dem Routeburn Shelter, dem offiziellen Ende des Routeburn Tracks und dem Chinaman's Carpark, dem Anfang des Dart Tracks, liegen ungefähr 30 Kilometer. Diese wollte ich per Hitchhiking zurücklegen. Ich hatte Glück, in insgesamt drei Fahrten brauchte ich nur zwei Stunden, für die Abgelegenheit der Gegend schneller als erwartet. Mich nahmen ein Pärchen aus den USA, eine chinesische Familie und ein Kiwi-Farmer mit.
Um halb zwei begann dann die zweite Etappe meiner Wandertour: Der Dart-Track. Hier geht es nicht ganz so weit hinauf, beginnend auf circa 400m Höhe folgt man dem Dart River bis zur Dart Hut auf 900m, währenddessen geht es beständig aber nur sehr leicht aufwärts. Bei immer noch grandiosem Wetter hatte ich bis zur Daley's Flat Hut noch knapp 20 Kilometer zurückzulegen. Der Track wurde erst im Februar wieder geöffnet, zuvor war er wegen eines Erdrutsches für zwei Jahre gesperrt gewesen. Der Erdrutsch hat einen See entstehen lassen, um den herum der neue Track führte. Man sieht noch genau, dass dort vorher ein Wald war, die Bäume die jetzt im Wasser stehen, sind alle abgestorben.

Nach dem See geht es noch ein bisschen weiter durch den Wald, bis ich dann kurz nach Sonnenuntergang wieder mein Ziel erreicht hatte. Da der Dart Track keiner der Great Walks ist, kann man mit dem Backcountry Hut Pass die Hütten benutzen, das heißt ich hatte wieder den Luxus einer Matratze. Ich war tatsächlich nicht der letzte, der in der Hütte ankam; nach mir kamen noch zwei Schweizer, die an diesem Tag 40 Kilometer gelaufen sind. Kann man mal machen!
Nach den zwei anstrengenden Tagen schlief ich am nächsten Tag aus. Als ich gegen 10 dann aufstand, war die Hütte schon komplett leer. Gemütlich frühstückte ich und lief dann weiter den Fluss entlang. Die Daley's Flat sind eine kilometerlange Wiese. Weil hier früher mal Schafe weideten, hat sich der Wald nicht bis hierhin ausgebreitet. Die komplette Landschaft mit der Wiese, den angrenzenden Wäldern, dem Fluss und den schneebeckten Bergen könnten eins zu eins aus einem Heidi-Film ausgeschnitten worden sein.

Gegen Nachmittag zogen dann langsam ein paar Wolken auf, während die hohen Berge um mich herum immer näher kamen als ich weiter das Tal hinauf lief. Diesmal erreichte ich die Hütte vor Sonnenaufgang. In der Dart Hut war auch ein Warden anwesend, die die Tickets checkte und die - nicht vielversprechende - Wettervorhersage für den nächsten Tag, dafür klaren Himmel am darauffolgenden Tag verkündete.
Tatsächlich regnete es am nächsten Morgen. Ursprünglich war mein Plan, dem Dart River weiter zu folgen und den Cascade Saddle zu erklimmen, um dann ins Matukituki Valley hinunterzulaufen. Das verschob ich um einen Tag, da diese Etappe das Highlight der Route werden sollte und das Wetter am nächsten Tag besser werden sollte. Stattdessen ruhte ich mich lesenderweise bis mittags aus, und gung dann gegen 1 los für einen Tagesausflug zum Rees Saddle. Die Dart Hut lässt sich neben der Dart Route auch über das Rees Valley erreichen. Der höchste Punkt dieser Route ist der Rees Saddle, der ungefähr zwei Stunden von der Dart Hut entfernt ist. Auch hier läuft man entlang eines Flusses, es geht aber deutlich höher hinauf als beim Dart Track. Von hier oben sieht man bereits einen Teil des Dart Glaciers, zu dem ich dann am folgenden Tag laufen sollte.

Zurück an der Dart Hut fand ich die alten Bekannten vor, die bereits am Tag zuvor in der Hütte übernachtet hatten. Konrad, ein Berliner, ein Paar aus Israel und zwei Franzosen hatten jeweils einen Tagestrip auf den Cascade Saddle unternommen. Zu ebenjenem machte ich mich dann am folgenden Tag auf, tatsächlich wieder bei strahlendem Sonnenschein, das Warten hat sich gelohnt! Ab der Dart Hut ist verläuft der Weg wieder als Route, das heißt es gibt keinen vorgeformten Track mehr, sondern nur Orientierungspfähle. Weiterhin verläuft die Route am Dart River entlang, über die Sidestreams gibt es allerdings keine Brücken mehr. Insgesamt drei größere Bäche gilt es hier zu überqueren, zweimal zog ich meine Schuhe aus und watete hindurch. Schon recht bald war ich auf Level des ersten Gletschers, der links von mir aufragte. Das Schmelzwasser kam als Wasserfall herunter. Ungefähr hier verlor ich dann erstmal die Wegmarkierungspfähle, da ich aber wusste dass ich nur dem Fluss folgen muss, war das kein Problem. Mein gewählter Weg wurde ein bisschen zur Kletterpartie, eine Weile später fand ich dann aber - mehr zufällig, da Leute von der anderen Seite kamen - die Markierungen wieder. Da hatte ich auch fast schon den Gletschermund des Dart Glaciers erreicht. Die Route führt direkt daran vorbei. Der Fluss geht mehr oder weniger übergangslos in eine blaue, raue Eiswelt über. Die Größe und Schönheit des Gletschers ist atemberaubend. Während unten mehr oder weniger die ganze Eisfläche von Dreck bedeckt ist, ist es weiter oben nur die linke Seite, die dreckig ist, die rechte ist rein weiß. Wahrscheinlich hängt das mit den Winden zusammen, es sieht aber sehr witzig aus!

Nach dem Gletschermund geht es, weg vom Gletscher, auf die andere Seite zum Cascade Saddle hinauf. Und zwar wirklich hinauf. Auch hier verlor ich zwischenzeitlich mal den Track und kletterte die Felsen mehr oder weniger senkrecht hinauf. Aber auf der eigentliche Weg ist sehr steil. Fast eine Stunde dauerte der Aufstieg, obwohl der Sattel schon vom Gletscher aus zu sehen war. Dann aber war ich über den Kamm und konnte hinunter ins Matukituki Valley sehen. Der Berghang auf der anderen Seite besteht komplett aus Schiefer, das in der Sonne leuchtet. Im Hintergrund thront Mount Aspiring, mit über 3,000 Metern Höhe der König (und Namensgeber) des Nationalparks. Gepaart mit zwei Keas, die um die Berge herumflogen, ein Anblick der alle Mühen belohnt hat.

Nach dem Mittagessen kurz neben dem Sattel ging es erstmal wieder runter, entlang eines kleinen Baches. Als dieser dann eine Weile später in einen größeren übergeht, geht es gemeinerweise auf der anderen Seite nochmal so steil hoch, allerdings über Gras und Schotter, nicht Felsen. Mit knapp 1,700 Meter war der Pylon, wie der höchste Punkt am Ende des Anstiegs genannt wird, gleichzeitig auch der höchste Punkt, den ich in Neuseeland betreten habe. Nachdem ich hier die Aussicht genossen habe, ging es genauso steil, wenn nicht sogar noch steiler, wieder hinunter. Zwar verlor ich dieses Mal die offizielle Route nicht, trotzdem musste ich ein paar Mal meterhohe Absätze hinunterklettern. Hier herunter zu klettern ohne abzurutschen war fast noch anstrengender als den Cascade Saddle hinauf.

Eine Weile später war ich dann aber am Wald angekommen, wobei es auch hier noch weiter hinunter ging. Die Sonne war schon dabei, sich zu verabschieden für den Tag, als ich schlussendlich die Aspiring Hut erreicht habe. Da die Aspiring Hut nicht zum DOC-Hüttennetz zählt, schlief ich nochmal im Zelt, das ich über den ganzen Dart Track mitgeschleppt hatte. Ich schlief wie ein Stein, bis ich von einem merkwürdigen Kratzen aufgeweckt wurde. Ich dachte mir im Halbschlaf zunächst nichts dabei, als es anhielt schaute ich aber doch nach. Ich öffnete das Innenzelt und schaute in die kleine Öffnung hinunter auf dem Boden und sah nur eine Kralle. Sofort war mir klar, was mich aufgeweckt hatte: Ein Kea! Schnell holte ich meine Kamera raus und verließ das Zelt durch den anderen Ausgang, um den Kea nicht zu verschrecken. Die wollten sich aber auch nicht vertreiben lassen, dafür waren sie viel zu neugierig was hier abging. Es waren insgesamt zwei, einer hatte vorher schon meine Socke, die ich im Vorzelt in den Schuhen gelassen hatte, inspiziert, anscheinend als nicht essbar identifiziert und ein paar Meter weiter liegen lassen. Inzwischen waren die Vögel zum Zelt dazu übergegangen, an ein paar Stöcken die in der Nähe lagen herumzukauen. Als eine Neuseeländerin aus ihrem Zelt kam verscheuchte sie leider die schönen Tiere. Beim Losfliegen zeigten sie ihr wunderschönes rotes Federkleid, ich war leider zu langsam mit der Kamera.

Das letzte Frühstück in den Bergen stand an, dann lief ich die knapp zwei Stunden die ich noch vor mir hatte hindurch durch das Matukituki Valley bis zum Parkplatz. Vorbei ging es an einem letzten Wasserfall und quer hindurch durch eine Farm mit Kühen, die mich doof anschauten. Dann hatte ich es tatsächlich geschafft: In sieben Tagen Wandern war ich einmal quer über die Südalpen gelaufen.

Es dauerte ungefähr eine halbe Stunde, bis ich von einer Neuseeländerin aufgegabelt wurde. Sie hatte einen Freund besucht, der Hut Warden in der Aspiring Hut ist. Sie fuhr mich bis Wanaka, wo ich erstmal Fett vom Takeaway's und Zucker von der Eisdiele zu mir nahm. Ein paar Stunden später stand ich dann wieder an der Straße und schaffte es bis Lumsden, den freien Campingplatz, wo ich zuvor schon im Auto übernachtet hatte. Die letzte Strecke nahm mich sogar der Mann mit, der freiwillig den Campingplatz wartet und jeden Tag Autos zählt. Am nächsten Tag von Lumsden nach Te Anau zu kommen gestalte sich schwieriger als gedacht. Ich wollte ausschlafen, deshalb waren die meisten Autos vom Campingplatz schon weg. Insgesamt vier Stunden wartete ich, dann wurde ich von einem LKW-Fahrer aufgepickt. Er hatte Kälber geladen, die er bei einer anderen Farm abladen sollte. Gleichzeitig ist er Teil des Search and Rescue Teams von Te Anau. Wenn in den Bergen jemand verloren geht sind es hauptsächlich Freiwillige, die nach den Vermissten suchen. Ein paar interessante Geschichten später stand ich dann an einer Farm im Nirgendwo, noch 20 Kilometer vor Te Anau. Ein paar Kilometer musste ich laufen, bis wieder eine sinnvolle Parkbucht kam, wo mich dann eine deutsche Backpackerin die letzten paar Kilometer mitnahm, und ich wieder dort ankam, wo meine Reise anfing.
Ohne lange überlegen zu müssen, war das die beste Wanderung, die ich in meinem ganzen Leben gemacht habe. Obwohl es teilweise, vor allem am Tagesende, mühsam war, mich und mein Gepäck durch die Gegend zu schleppen, war es das definitiv wert für die unglaubliche, fast unberührte Natur die sich mir hier gezeigt hat.

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