Ziemlich genau acht Monate nach meiner Ankunft in Neuseeland stieg ich am 24. Mai in Auckland in den Flieger nach Singapur. Zwischendurch hab ich gedacht, der Abschied würde mir schwerer fallen. Da ich aber noch sechs weitere Wochen Abenteuer vor mir hatte, war es gar nicht so schlimm, ich war viel eher aufgeregt als traurig. Vier Nächte wollte ich in Singapur bleiben, bevor es dann nach Kambodoscha weiter ging. Zehneinhalb Stunden dauerte der Flug, diesmal direkt, ohne weiteren Stopover in Perth. Um 19 Uhr Ortszeit, 23 Uhr in Neuseeland landete ich im riesigen Changi Airport. Geschlafen hatte ich praktisch nicht im Flugzeug, dementsprechend fertig war ich als ich ankam. Durch die Immigration kam ich zum Glück ziemlich schnell, und auch die MRT-Haltestele war einfach zu finden. Der Mass Rapid Transport ist Singapurs S-Bahn, und man kommt praktisch an jeden Punkt der Insel mit dem MRT. Ungefähr eine halbe Stunde dauert die Fahrt vom Flughafen nach Bugis, die nächste Haltestelle vom Hostel. Von dort sind es noch zehn Minuten Fußweg, bis ich endlich mein Bett erreichte. Der MRT ist verhältnismäßig günstig, die Fahrt zum Hostel kostete $2,30, circa 1,50€. Am nächsten Morgen war ich natürlich um fünf Uhr wach.


Beim - inklusiven - Frühstück bekam ich mit, dass um 9.30 Uhr eine Walking Tour entlang des Singapore Rivers ist. Spontan schloss ich mich an und nahm noch einen Toast als Proviant mit. Die Tour startete am Raffles Place, mitten im Central Business District. Von den vielen Wolkenkratzern in Singapur sind die meisten hier, eines davon 290 Meter, drei 285 Meter hoch. 290 Meter ist die Obergrenze für Gebäude in Singapur, um den Flugverkehr nicht zu stören. Trotz der vielen Bürogebäude ist es erstaunlich grün hier, was damit zusammenhängt, dass die Regierung Firmen fördert, die Kunst oder Grünflächen entlang ihrer Grundstücke einrichten.
Nicht weit vom Raffles Place liegt der Singapore River, der quer durch die Stadt fließt. Entlang des Flusses stehen eine Vielzahl an Gebäuden, die früher als Lagerhäuser genutzt wurden. Inzwischen sind die meisten zu Cafés, Restaurants und Bars umgewandelt worden. Das ist nur möglich, weil seit 1960 umfangreiche und aufwändige Maßnahmen zur Säuberung des Flusses durchgeführt wurden. War der Fluss früher eine stinkende Abwasserbrühe, ist es seitdem unter hoher Strafe verboten, Abwässer in den Fluss einzuleiten. Das hat dazu geführt, dass das Wasser aus dem Singapur River inzwischen zur Trinkwasserversorgung der Stadt benutzt werden kann. Über die Cavenagh Bridge, die älteste Brücke über den Fluss die heute noch existiert, geht es ins Regierungsviertel. Hier hatten sich in den frühen Tagen Singapurs keine Geschäfte niedergelassen, da das Viertel auf der Innenseite einer Kurve des Singapur Rivers liegt. Laut einem Aberglauben spült der Fluss so das Geld weg von dem Ort, im Gegensatz zu dem Bereich auf der Außenseite der Kurve, wo das Geld hingespült wird. Da die Regierung das Geld sowieso verschleudert, war es für die Regierung ok, auf der Innenseite des Flusses zu sein. Der erste Stopp diesseits des Flusses war eine Grünanlage mit riesigen spiegelnden Kugeln, die ziemlich coole Bilder ergeben. Dahinter liegt das Asian Civilisations Museum, anscheinend eines der bestbewertetsten Museen in Singapur. Dahinter liegt das Victoria Theatre und die Concert Hall der Singapurer Philharmoniker. Das linke Gebäude, heute das Theater, wurde in den 1860er Jahren gebaut und diente damals das Rathaus. 1901 wurde dann zu Ehren Queen Victorias, die in diesem Jahr verstorben ist, die Victoria Memorial Hall direkt daneben gebaut. Schließlich wurden die beiden Gebäude durch einen Glockenturm verbunden. Obwohl das Gebäude heute von außen einheitlich aussieht, kann man von innen noch die beiden ursprünglichen Gebäude unterscheiden.

In dem Gebäude wurde uns ein bisschen Singapur-Geschichte näher gebracht. Zu Kolonialzeiten waren Singapur und Malaysia eine britische Kolonie. Die britische Herrschaft dauerte ungebrochen vom frühen 19. Jahrhundert bis zum 2. Weltkrieg an. Dort übernahmen 1941 die Japaner die Kontrolle, nachdem die Briten in Singapur kapitulierten. Während der japanischen Herrschaft ging es den Singapurern sehr schlecht, sodass die meisten zunächst froh waren, als die Briten 1945 den Krieg letztendlich gewannen. Nun wollten jedoch einige in Singapur die Unabhängigkeit, während Großbritannien Singapur als Handelszentrum in Asien nicht verlieren wollte. Bis 1955 blieb Singapur britisch, bis die Briten die Proteste nicht mehr ignorieren konnten, und Singapur in die Selbständigkeit entließ. Zusammen mit dem damaligen Malaya bildete sich der Staat Malaysia. Die Malayen wollten Singapur allerdings nicht behalten, sodass Singapur nur anderthalb Jahre später unabhängig wurde - Malaysia behielt trotzdem seinen Namen inklusive des "s".
Nächster Stopp der Tour war das Old Parliament House, das direkt hinter dem Victoria Theatre liegt. 1827 gebaut wurde es zunächst als Gerichtshaus genutzt. Ab 1955 tagte hier das Parlament von Singapur. Da das Parlament wuchs, wurde das Gebäude zu klein, sodass es 1999 in einen Neubau umzog. Seitdem steht der alte Parlamentssaal der Öffentlichkeit zur Besichtigung offen, während der Rest des Gebäudes in eine Galerie umgewandelt wurde. Hinter den Sitzen sieht man sogar noch die Namensschilder der ersten Minister der Republik Singapur.
Auch das nächste Gebäude entstand aus dem Zusammenbau zweier kleinerer Gebäude: Aus dem ehemaligen Rathaus und Supreme Court wurde die National Gallery Singapore. Auf einer riesigen Ausstellungsfläche findet sich alte und neue Kunst aus Singapur und Südostasien. Zudem kann man aus den Zeiten, als das Gebäude als Gericht genutzt wurde, noch Verhörzellen sehen. Im sechsten Stock hat man von der Dachterrasse aus einen Panoramablick sowohl auf das CBD, wo ich gerade hergekommen bin, als auch auf die Marina Bay. Direkt vor dem Gebäude liegt das Padang, eine für die zentrale Lage überraschend große Sportanlage mit Fußball-, Cricket- und Tennisfeldern. Zu Kolonialzeiten war das Padang ein wichtiger Versammlungsplatz. Heute wird um das Padang herum im September auch das Formel 1-Rennen von Singapur ausgetragen, wo die Straße dann für einen Tag in eine Rennstrecke umfunktioniert wird.

Neben der National Gallery steht die St. Andrews Cathedral. Das Besondere an dieser anglikanischen Kirche ist, dass es auf dem Grund eines Moslems steht, und das Gebäude vorwiegend von buddhistischen Arbeitern gebaut wurde.
Von hier aus ging es weiter durch den War Memorial Park. Ein Monument soll an die Opfer des Zweiten Weltkriegs erinnern. Das Monument besteht aus vier riesigen Steinsäulen, die oben und unten verbunden sind und die verschiedenen Ethnien in Singapur symbolisieren sollen. Von den Einheimischen wird es auch "Chopsticks", Essstäbchen, genannt. Die letzte Station der Tour war das Esplanade Theatre. Direkt an der Marina Bay gelegen, war das erklärte Ziel beim Bau des Theaters, Kultur allen zugänglich zu machen. So gibt es jeden Tag mindestens eine kostenlose Veranstaltung. Die Tour endete außerhalb des Esplanade, wo es auch eine Outdoor-Bühne mit überragendem Blick über die Bucht gibt. Nicht weit von hier ist auch die Skulptur des Merlions, eine für Singapur typische mystische Gestalt mit dem Körper einer Meerjungfrau und dem Kopf eines Löwens. Der Körper steht für Singapurs Ursprünge als Fischerdorf, und der ursprüngliche Name der Stadt, Singapura, bedeutet "Stadt des Löwens".

Nach so viel Infos kehrten wir zunächst zurück ins Hostel. Am Nachmittag machten wir einen Ausflug nach Chinatown. Singapur war schon immer eine Stadt, wo Immigranten von überall her kamen. Als die Briten Singapur kolonisierten, teilten sie die Stadt in ethnische Viertel auf. Obwohl heute natürlich jeder wohnen darf wo er möchte, sind die Unterschiede zwischen den Vierteln noch klar spürbar, was die Stadt sehr interessant macht. Chinatown ist voll von Fressständen und Touristenläden, wo man jeden Mist kaufen kann. Außerdem steht hier der größte buddhistische Tempel Singapurs, der Buddha Tooth Relic Temple. Angeblich findet sich hier ein Zahn von Buddha, der in Malaysia gefunden wurde und den man im vierten Stock bewundern kann. Der Tempel ist mit unglaublicher Detailtreue gestaltet worden. Neben den zentralen, übermannsgroßen Statuen, sind die Seitenwände gesäumt mit unzähligen Mini-Buddhas, die auch noch leicht unterschiedlich aussehen. In einem Raum weiter hinten sind für alle chinesischen Tierkreiszeichen die jeweiligen Schutzpatrone dargestellt, für mich, im Jahr des Schweins geboren, ist das ein Buddha mit einem Schwein auf dem Kopf. Meiner sieht noch mit am freundlichsten aus!

Nach einem kleinen Abendessen machten wir uns auf den Weg zu den Gardens by the Bay. Obwohl eine relativ neue Ergänzung zu Singapurs Stadtbild (2012 eröffnet), ist es eine der Hauptattraktionen der Stadt. Die Gärten sind von den Supertrees geprägt, künstliche Bäume, die bis zu 50m hoch sind. Nachts sind sie beleuchtet, und zweimal am Abend werden sie in eine 3-monatlich wechselnde Sound/Licht-Show eingebunden. Als ich da war, war die Show unterlegt vom Star Wars Theme. Die Show dauerte circa 10 Minuten, und war sehr beeindruckend. Da nicht nur ich recht müde war, gingen wir anschließend zurück ins Hostel.


Auch Tag 2 war ziemlich voll gepackt mit Action. Zusammen mit Sam aus England machte ich mich morgens auf zu den Botanical Gardens. Etwas außerhalb vom Zentrum gelegen, sind die kilometerlangen Gardens seit 2014 sogar Teil des UNESCO-Welterbes. Die Gärten haben wirklich sehr viel zu bieten, vom Orchideengarten bis zum Regenwald. Es gibt einen Teil, in dem Hunderte verschiedener Kakteen wachsen, und einen Laubwald zum Relaxen mit Hängematten und Sitzschaukeln. Mitten in den Gärten ist eine kleine Bühne mit einer Wiese davor, eine sehr coole Location für Veranstaltungen aller Art! Direkt dahinter ist ein See mit Schildkröten und Monitor Lizards. Letzteres ist eine Echsenart, die bis zu drei Meter lang werden kann. Wir haben sie zunächst von der anderen Seite des Sees gesehen und dachten, es ist ein Krokodil. Bei näherer Betrachtung war dann klar, dass es kein Krokodil ist, trotzdem ist das Tier alleine wegen seiner Größe sehr beeindruckend.

Pünktlich bevor es anfing zu regnen, was in Singapur bedeutet, dass man binnen Sekunden komplett durchnässt ist, schafften wir es zurück in den MRT und fuhren nach Little India, um etwas zu essen. Little India ist das Viertel, das zur britischen Kolonialzeit den indischen Immigranten zugewiesen wurde. Was man hier vor allem tun kann ist essen. Auf einer riesigen Fläche gibt es hunderte kleiner Stände mit allem möglichen Essen, vor allem asiatisch aber auch westlich. Ich entschied mich für Nudelsuppe mit Gemüse, ein sehr typisches lokales Gericht.
Es regnete weiterhin, allerdings hatte es etwas nachgelassen. Der nächste Stopp waren die Gardens by the Bay, die ich am Vortag schon bei Nacht gesehen habe. Auch tagsüber sehen die Metallbäume sehr beeindruckend aus. Innerhalb der Gartenanlage gibt es zwei kuppelartige Glasbauten: Den Cloud Forest und den Flower Dome. Der Cloud Forest ist höher, und imitiert das Klima der Nebelwälder. Diese sind in bergigen Gebieten (oberhalb 500m) in Südamerika, Afrika, Malaysia, Indonesien und den Phillipinen anzutreffen. Die Luftfeuchtigkeit ist hier eigentlich immer auf 100%, da der Wald fast immer vernebelt ist, was dem ganzen ein mystisches Gefühl gibt, dafür ist es nicht ganz so warm wie in anderen Regenwaldgebieten durch die höhere Lage. Der Dom in Singapur bildet auf sechs Stockwerken das Ökosystem von 500m (Eingang) bis 1500m Höhe (Kuppel) nach. Über die komplette Höhe fällt ein Wasserfall in die Tiefe. Je nach Höhe sind die typischen Pflanzen der Nebelwälder zu finden, eine Vielzahl von Farnen, Moosen, aber auch Blütenpflanzen wie Orchideen. Mit dem Aufzug kann man nach ganz oben fahren und dann nach und nach hinab steigen. Im Inneren des Doms sind kleine Ausstellungen zu Tropfsteinhöhlen, die in den Nebelwäldern sehr häufig sind, näheren Informationen zur Flora der Wälder und ein Film, der zeigt wie sich die Ökosysteme der Erde entwickeln, falls sich das Weltklima um fünf Grad erhöhen sollte. Eine sehr düstere Zukunft würde uns erwarten.
Direkt neben dem Cloud Forest liegt der Flower Dome. Hier sind verschiedene Blütenpflanzen aus verschiedenen Teilen der Erde (Australien, der Mittelmeerraum, Südostasien) zu finden. Zudem sind Skulpturen von Tieren, die komplett aus Rinde gestaltet wurden über den Dom verteilt, die unglaublich detailliert modelliert wurden. Nachdem wir auch den Flower Dome besichtigt hatten, kehrten wir zurück ins Hostel und verbrachten den Rest des Tages gemütlich mit anderen aus dem Hostel.


Ein weiterer Tag blieb mir noch in Singapur. An meinem letzten Morgen machte ich nochmal bei einer Free Walking Tour mit, diesmal durch das Little India-Viertel. Der Guide war nicht ganz so gut wie der zwei Tage zuvor, trotzdem wusste er einiges zur Gegend zu erzählen. Er ist selbst in Little India aufgewachsen und erzählte uns von der Geschichte der ersten indischen Siedler, die vor allem Viehzucht hier betrieben. Heute ist Little India für seine Vielzahl an Märkten bekannt, ob für Seafood, Kleidung oder Obst. Im Zuge der Führung habe ich zwei hinduistische Tempel besichtigt: einen südindischen und einen nordindischen. Die Mehrzahl der Inder in Singapur kommen aus dem Süden, deshalb gibt es einige südindische, aber nur einen nordindischen Tempel in Singapur. Der südindische ist so wie man sich einen Hindu-Tempel vorstellt: ein reichlich verzierter Hauptgebetsraum mit etlichen Nischen zu beiden Seiten, in den jeweils eine Verkörperung des Gottes dargestellt ist, und vor denen die Hindus beten. Mönche sind überall verstreut und sprechen Gebete. Der nordindische Tempel ist komplett anders: Von außen sieht er fast aus wie ein normales Wohnhaus, innen gibt es statt den Gebetsnischen einen großen, im Vergleich schon fast bescheiden gehaltenen Altar. Die Gläubigen knien in dem großen Raum davor.

Nach der Führung aß ich in Little India eine Kleinigkeit und kehrte dann zunächst zum Hostel zurück.
Über Markus aus Neuseeland hab ich Roel kennen gelernt. Er kommt ursprünglich von den Phillipinen und wohnt und arbeitet schon seit einer Weile in Singapur. Wir trafen uns zum (zweiten) Mittagessen im riesigen Shopping- und Fresscenter an der HarbourFront. Frisch gestärkt liefen wir von dort aus nach Sentosa, eine Insel ungefähr einen halben Kilometer im Meer, die das Naherholungsgebiet Singapurs schlechthin ist. Hier gibt es Indoor-Skydiving, Bungee, Ziplining und die Universal Studios Freizeitpark. Man kann aber auch einfach an allem vorbei laufen. Der Spaziergang über die Brücke, vorbei an der riesigen Nachbildung des Merlions (37m hoch) und all den Attraktionen ist ziemlich schön. Nach einer halben Stunde erreichten wir den Strand, wo wir uns mit anderen Leuten trafen um Beach-Volleyball zu spielen. Manche wohnen in Singapur, manche waren auch nur ein paar Tage hier und kamen von überallher auf der Welt. Glücklicherweise ging ein Wind, sodass die Hitze tatsächlich erträglich war. Wir spielten solange bis es zu dunkel war um den Ball zu sehen, dann lief ich im Lichtermeer Sentosas zurück zum Hostel.

Nach einem letzten Frühstück auf der Dachterrasse stieg ich am 28. Mai in den MRT zurück zum Changi-Flughafen, wo das Flugzeug nach Phnom Penh und das nächste Abenteuer auf mich wartete.

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