Der Flug von Singapur in die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh dauerte etwas über anderthalb Stunden. Auf dem Weg dahin flog ich über Hunderte Reisfelder und den gewaltigen Fluss Mekong. Für Kambodscha braucht man auch als Tourist ein Visum, das aber auch bei Ankunft ausgestellt werden kann. Das ging überraschend schnell, der Prozess ist aber ziemlich merkwürdig. Man füllt seinen Visa-Zettel aus, der neben der lokalen Sprache Khmer, die auch ein eigenes Schriftsystem hat auch in englisch beschriftet sind, und gibt den Zettel zusammen mit dem Pass am Anfang einer Reihe von Leuten ab, die nebeneinander hinter einer Glasscheibe sitzen. Der Pass wird dann anscheinend von Person zu Person gereicht - insgesamt um die 10 Leute - am Ende wird man aufgerufen indem der letzte in der Reihe den eigenen Pass hoch hält. Man zahlt die US$35 Gebühr für das Visum und erhält seinen Pass samt einer kunstvoll gestalteten ganzen Seite mit dem Visum zurück. Während des ganzen Prozesses sprach keiner von den Leuten hinter Glas auch nur ein einziges Wort.

Mein Rucksack wartete auf dem Band schon auf mich. Es dauerte ungefähr eine Minute, dann war mir klar, dass ich jetzt wirklich in Asien angekommen bin. Das Klima ist sehr ähnlich wie in Singapur, vielleicht minimal kühler aber genauso schwül. Einen Schritt aus dem Flughafengebäude hinaus ist man direkt umzingelt von Taxi- und Tuktukfahrern. Ich entschied mich für ein Tuktuk. Ein Tuktuk ist eine kleine, überdachte aber seitlich offene Kutsche, die von einem Motorrad gezogen wird. Bis zu vier Leute (plus Fahrer) haben in einem Tuktuk Platz. Die Fahrt zum Hostel dauerte circa 40 Minuten. Etwas über eine halbe Stunde durch ein Verkehrschaos, das alle italienischen Städte als tadellos geordnet erscheinen lässt. Die Straße teilen sich Lastwagen, Autos, Tuktuks, Motorräder - mit und ohne diversen Anhängern, Fahrradfahrer und Fußgänger, die Wägen durch die Gegend schieben. Die Motorräder sind dabei eindeutig in der Überzahl. Während die Fahrtrichtung in den meisten Fällen noch eingehalten wird, dienen die eingezeichneten Spuren genauso der Dekoration der Straße wie die spärlich vorhandenen Ampeln. Grundsätzlich gilt: Wer zuerst hupt, darf zuerst fahren. Erstaunlicherweise funktioniert das aber ziemlich gut, auch wenn alle durcheinander fahren hält immer einer an, bevor es einen Zusammenstoß gibt.


Ich lud meine Sachen im Hostel ab, und ging auf Entdeckungstour in der Nähe des Hostels. Nicht weit entfernt ist der Night Market, der auch um 4 Uhr nachmittags schon geöffnet war. Hier gibt es Essen und Kitsch in allen vorstellbaren Varianten. Es ist unglaublich hektisch, alle schreien durcheinander, als ob alle Besucher automatisch beim lautesten Verkäufer kaufen würden. Mein nächster Stopp war die Uferpromenade des Tonle Sap, Phnom Penhs Fluss der nur wenige Kilometer hinter dem Stadtzentrum in den Mekong fließt. Immerhin gibt es hier einen Fußweg, vor aufdringlichen Verkäufern, Bettler und Tuktukfahrern ist man aber auch hier nicht sicher. Außerdem ist es unglaublich dreckig. Im Fluss, an der Promenade und in jeder Ecke liegt Müll, vor allem Plastik herum. Kambodscha und insbesondere Phnom Penh hat ein massives Müllproblem, was vor allem aus dem unglaublich sauberen Singapur kommend auffällt.

Ich machte mich noch auf die mäßig erfolgreiche Suche nach einem Supermarkt - es gibt Hunderte Minimarts, die aber alle nur Bier, Softdrinks, Chips und Kekse zu verkaufen scheinen - und kehrte dann zurück ins Hostel. Schon jetzt war mir klar, dass Phnom Penh definitiv nicht zu meinen Lieblingsstädten zählen wird.
Tags darauf besuchte ich zusammen mit einer Kanadierin die Killing Fields und das S21-Gefängnis. Unter der Führung Pol Pots führten die Roten Khmer Mitte der 1970er Jahre einen Genozid in Kambodscha durch, der mit dem Holocaust in Europa zu vergleichen ist. Unter dem Vorwand, einen sozialistischen Bauernstaat errichten zu wollen, mussten alle die Städte verlassen, um sich auf dem Land als Bauern zu Tode zu schuften. Alle Intellektuellen galten als Staatsfeinde und wurden entweder direkt in Foltergefängnisse gesteckt, oder mussten Zwangsarbeit leisten: 12-14h täglich im tropischen Klima Kambodschas mit einem Minimum an Essen. Unzählige starben auf den Feldern. Als intellektuell galt man bereits, wenn man eine Brille trug, oder weiche Hände hatte. Die Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha währte 4 Jahre lang, von 1971 bis 1975, bis das Land von den Vietnamesen befreit wurde. Das Unglaubliche: Die UN sahen die Roten Khmer auch noch Jahre später als rechtmäßige Herrscher Kambodschas an. Europäer wurden zu dieser Zeit gezielt eingeladen, um auf Propaganda-Trips das zu sehen, was sie sehen sollten: Fröhliche Bauern mit ihren Kindern, anstelle der brutalen Gewalt in den Gefängnissen.
Unser Tuktukfahrer brachte uns zunächst zu den Killing Fields. Während der Roten Khmer-Herrschaft gab es über 50 solcher Exekutionsplätze, wobei der den ich besuchte, etwa 15 Kilometer südlich der Hauptstadt, der größte war. Einschließlich der Leute, die in Arbeitslagern starben, wurden geschätzt 3 Millionen Kambodschaner getötet - die Hälfte der damaligen Bevölkerung. 20,000 wurden hier bei Phnom Penh hingerichtet, zunächst vereinzelt, am Ende kamen mehrere Busse täglich an mit zum Tode verdammten Menschen.
Wenn man die Stelle heute besucht, erwartet einen ein freundlich anmutendes Fleckchen Erde mit Wiesen, vereinzelten Bäumen und einem Monument. Der Audio-Guide verrät allerdings, dass die Hügel auf den Wiesen in Wahrheit ausgehobene Massengräber waren. Ein Schuppen wurde zur Aufbewahrung der Todesinstrumente benutzt, wobei alles was billig und schwer war als solches benutzt wurde, von der Harke bis zu Gas. Munition war zu teuer. Das schlimmste an der ganzen Anlage war der sogenannte "Killing Tree". Die Roten Khmer handelten unter der Maxime "Unkraut muss von der Wurzel ausgerottet werden". Verhafteten sie ein Familienmitglied, wurde die komplette Familie getötet, einschließlich Säuglinge, um auszuschließen dass diese sich später an dem Regime rächen. Die Säuglinge wurden an den Beinen gepackt und wiederholt mit dem Kopf gegen den Baum geschlagen, bis sie schließlich starben und in das Massengrab daneben geworfen wurden. Unvorstellbar.
Das Monument in der Mitte der Fields stellt die Schädel von 10,000 Menschen aller Altersklassen aus, die hier gefunden wurden. Es ist allen Opfern des Genozids und deren Familien gewidmet.

Nach dem Besuch der Killing Fields wurden wir zurück ins Zentrum gefahren, zu einem fast noch schlimmeren Ort: dem ehemaligen Foltergefängnis S-21. Vor der Zeit der Roten Khmer war es das Gelände einer Schule. Da Bildung praktisch abgeschafft wurde, wurde die Schule zu einem Gefängnis umfunktioniert. Man kann die ehemaligen Klassenzimmer noch klar erkennen, allerdings wurden sie zu Zellen umfunktioniert. Eine Zelle ist ungefähr anderthalb Quadratmeter groß und besteht aus einer Metallpritsche sowie einer Karaffe für die Hinterlassenschaften. Auch was die Foltergeräte hier angeht, benutzten die Roten Khmer alles was zur Verfügung stand. So wurden die Gefangenen beispielsweise an einer Reckstange mit den Beinen festgebunden, bis sie unmächtig wurden. Daraufhin wurden sie in einen Topf mit stinkenden Wasser hinunter gelassen. Die Gefangenen wurden solange hier behalten, bis sie gestanden, mit der CIA oder dem russischen KGB zusammen gearbeitet zu haben. Dann wurden sie zu den Killing Fields deportiert, solange sie nicht vorher schon starben.

Es ist unglaublich, dass Menschen solche Taten vollbringen können, und das auch noch vor so verhältnismäßig kurzer Zeit. Die letzten Prozesse, die erst in den 1990ern begonnen haben, als der Welt die Verbrechen der Roten Khmer erst klar wurden, endeten 2011.
Nach den Besuch von S-21 kehrte ich ins Hostel zurück, um das alles erstmal zu verdauen. Abends gönnte ich mir bei einem richtigen Italiener eine Pizza.
Den Tag darauf verbrachte ich größtenteils im Hostel und plante die weitere Reise. Morgens unternahm ich einen kurzen Abstecher zum Wat Phnom, einem buddhistischen Tempel der auf dem mit 22m Höhe höchsten Berg der Stadt erbaut ist.

Um die Tempel herum befindet sich in einem perfekten Kreis ein Park. Hier sah ich das erste mal Affen auf den Bäumen herumtollen. Da es das erste Mal für mich war, dass ich Affen einfach so in der Stadt gesehen habe, war ich total faszinierend. Es sollten aber noch ganz viele weitere Affen folgen auf meiner weiteren Reise!

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